Wachstumsschübe im ersten Jahr2018-07-04T16:26:26+00:00

Die Wachstumsschübe im ersten Lebensjahr

In meinem ersten Lebensjahr mache ich insgesamt sechs Wachstumsschübe durch. Das bedeutet, dass sich meine körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu bestimmten Zeiten geradezu sprunghaft entwickeln, sodass Du den Eindruck bekommst, ich habe über Nacht Dinge gelernt, die ich am Vortag noch nicht konnte.

Der Entwicklungssprung während eines Wachstumsschubs kann beträchtlich sein und mich geradezu in eine neue Welt katapultieren, die für mich aufregender und vielfältiger ist, weil ich nun viel mehr neue Eindrücke aufnehmen kann und verarbeiten muss. Das fordert mich. Daher kommt es häufig vor, dass Kinder, die einen Wachstumsschub durchmachen, sehr anhänglich, empfindsam oder launisch sind. Ich brauche in diesen Phasen des Umbruchs eine besonder intensive Zuwendung, die mir Geborgenheit und Sicherheit vermittelt.

Tatsächlich verläuft die Abfolge der Wachstumsschübe bei allen Kindern ungefähr gleich, was vermutlich damit zusammenhängt, dass sich im kindlichen Gehirn zu bestimmten Zeiten bestimmte Nervenverbindungen herausbilden, die für das Erlernen von neuen Fertigkeiten notwendig sind.

Der erste Wachstumsschub

Meinen ersten Wachstumsschub durchlebe ich ab der fünften Woche.

Mittlerweile habe ich mich schon ganz gut an das Leben außerhalb Deines Bauches gewöhnt. Meine Atmung ist gleichmäßiger, ich verschlucke mich nicht mehr so häufig und spucke weniger. Ich beginne nun, meine Umwelt intensiver wahrzunehmen. Ich kann nun viel besser sehen, hören und riechen als zuvor. Du merkst es daran, dass ich wacher und aufmerksamer bin. Ich schaue dich häufiger und länger an, reagiere deutlicher auf Berührungen und beginne, das erste Mal zu lächeln. Manchmal zeige ich Dir schon, dass ich etwas besonders schön oder langweilig findet. Wahrscheinlich ist Dir auch aufgefallen, dass ich mehr Hunger habe als sonst. Gesteigerter Appetit ist ebenfalls ein Zeichen für einen Wachstumsschub. Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein, nämlich dass ich weniger esse.

Wenn ich in diesen Tagen sehr viel Zuwendung brauche, trage mich in einem Tuch mir Dir herum. Der enge Körperkontakt gibt mir die Sicherheit und Nähe, die ich nun brauche.

Der zweite Wachstumsschub

In der 8. Woche durchlebe ich meinen zweiten Wachstumsschub.

Meine Sinneswahrnehmungen haben sich stark weiter entwickelt. So nehme ich meine Umwelt jetzt differenzierter wahr und meine Umgebung erscheint mir interessanter und anregender, gleichzeitig aber auch bedrohlicher. Ich kann in manchen Situationen geradezu überforder regieren, weil mir die Welt gänzlich neu erscheint. Ich beginne nun auch, meinen Körper zu entdecken. Ich kann mein Köpfchen in Richtung eines Geräusches bewegen und vielleicht sogar schon alleine heben, wenn ich auf dem Bauch liege. Ich entdecke meine Hände und meine Füße, etwa dadurch, dass ich gegen Spielsachen trete. Das sind aufregende Momente in meinem Leben. Auch beginnt er nun, richtige Grimassen zu schneiden.

In dieser Phase kann es sein, dass ich anfange zu fremdeln und nur Dich in meiner Nähe haben möchte. Das zeige ich dadurch, dass ich viel häufiger weine und von Dir getragen werden möchte. Während meiner Wachphasen bin ich anspruchsvoller und fordere von Dir, dass Du Dich intensiv mit mir beschäftigst. Möglicherweise werde ich auch unsere bisherigen Ess- und Schlafgewohnheiten aus dem Rhythmus bringen.

Es ist wichtig, dass Du auf meine gesteigerten Bedürfnisse mit Liebe und Zuwendung reagierst. Denn nur so kann ich meine Welt angstfrei erkunden und meine neuen Fähigkeiten ausprobieren und weiterentwickeln. Eine schöne Beschäftigung, um mich zu beruhigen, kann es sein, dass Du mich nach dem Baden mit einer Babymassage verwöhnst. Das hilft mir, mich zu entspannen und fördert gleichzeitig meine Körperwahrnehmung.

Der dritte Wachstumsschub

Der 3. Wachstumsschub findet in der 12. Woche statt.

Ich bin jetzt drei Monate alt und verhalte mich nicht mehr wie eine Neugeborenes, sondern bin schon ein richtiger Säugling. Möglicherweise habe ich während dieses Wachstumsschubs einen gesteigerten Appetit, sodass Du das Gefühl hast, Du kommst mit dem Füttern kaum mehr nach. In dieser Phase meiner Entwicklung beginne ich, mein Sozialverhalten auszubilden. Ich fange an, gezielt mit meiner Umwelt zu interagieren, etwa indem ich auf Deine Stimmungen reagiere. Wenn Du mich anlächelst, dann lächel ich wahrscheinlich zurück. Ich erkenne verschiedene Personen und reagiere unterschiedlich auf sie. Durch meine fortschreitende körperliche Entwicklung bin ich nun in der Lage, mich häufiger auf den Bauch zu drehen. So bekomme ich mehr von meiner Umwelt mit.

Diese zahlreichen neuen Eindrücke können mich verunsichern. Und möglicherweise verwandele ich, der ich mich bis zu diesem Zeitpunkt teilweise schon über einen längeren Zeitraum mit mir selbst beschäftigen konnte, gleichsam über Nacht in einen kleinen Quälgeist, der Deine Aufmerksamkeit rund um die Uhr beansprucht. Viele Mütter empfinden diesen dritten Wachstumsschub als besonders anstrengend, weil sie nach drei Monaten Mutterschaft an die Grenzen ihrer Kräfte kommen. Wenn das Kind dann wieder sehr quengelig und anstrengend wird, sehen viele von ihnen darin einen „Rückschritt“. Doch das Gegenteil ist der Fall: In den Phasen, in denen ich besonders anhänglich und fordernd bin, wachse ich und brauche viel Zuwendung.

Du kannst jetzt damit beginnen, gemeinsame Rituale einzuführen, etwa in dem Du mir ein Lied vorsingst, bevor Du mich zum Schlafen hinlegst. Ich bin jetzt imstande, diese Routinen zu verstehen. Sie beruhigen mich und helfen mir, mich im Strudel des Alltags zu orientieren.

Zum ganzen Entwicklungsberater

Der vierte Wachstumsschub

Meinen 4. Wachstumsschub kannst Du im dritten und vierten Lebensmonat erwarten.

Der vierte Wachstumsschub kann bis zu fünf Wochen andauern.

Augenfälligster Ausdruck von meinen Entwicklungsfortschritten ist nun, dass ich meine Hände bewusster einsetzen kann, um Gegenstände zu ergreifen und sie zu untersuchen, indem sie in den Mund gesteckt werden. Das war zuvor noch schwierig, weil die Koordination zwischen Auge und Hand noch nicht richtig funktionierte und ich den Abstand zu einem Gegenstand noch nicht richtig einschätzen konnte. Das habe ich jetzt ganz toll gemeistert. Ich schaffe es, beispielsweise eine Rassel aufzuheben, sie zu schütteln, von der einen Hand in die andere zu geben und mir in den Mund zu stecken. Während des 4. Entwicklungsschubs lerne ich, meinen Körper besser zu kontrollieren. Ich spüre, was ich schon alles kann- und was noch nicht. Gelingt es mir beispielsweise nicht, den heiß ersehnten Teddybären zu ergreifen, weil er außerhalb meiner Reichweite liegt, dann reagiere ich verärgert. Auch meine Sprachentwicklung macht einen weiteren Schub: Ich produziere nun Laute in einer Abfolge, die fast schon wie richtige Sätze klingen.

Möglicherweise schreie ich nun häufiger, meine Stimmungen wechseln ständig, ich bin launisch und möchte mehr Zuwendung. Wenn Du mich hinlegst, beginne ich zu weinen, weil ich nicht möchte, dass der Körperkontakt abbricht. Unsere Nächte sind unruhig und auf tagsüber klappt es mit dem Schlafen nicht so gut. Möglicherweise esse ich auch schlechter. Bleibe gelassen und denke daran, dass ich mich nicht deshalb so launisch verhalte, weil ich dich ärgern möchte, sondern weil ich viele neue Dinge gelernt und erfahren habe, die ich verarbeiten muss.

Der fünfte Wachstumsschub

Mein 5. Wachstumsschub ereignet sich ab der 26. Woche.

Einige Mütter nennen diese Zeit auch die „Klammerphase“. Konntest Du vor ein paar Tagen noch kurz dem Raum verlassen, beispielsweise um zur Toilette zu gehen, habe ich mich in dieser Zeit gut selbst beschäftigt. Jetzt beginne ich zu schreien, sobald ich bemerke, dass Du nicht mehr anwesend bist. Sobald ich protestiere, tauchst Du wieder auf. Diesen Zusammenhang verstehe ich jetzt, wobei mein Verhalten nichts damit zu tun hat, dass ich versuchen würde, Dich zu „manipulieren“. Vielmehr sind diese Verlustängste, die hinter meinem Verhalten stehen, in mir angelegt. Mein Bedürfnis nach Bindung ist für mich überlebenswichtig.

Das Verständnis für Zusammenhänge, das ich nun ausgebildet habe, wird auch an einem anderen Babyspiel deutlich: Ich sitze auf Deinem Schoß und lasse immer wieder einen Gegenstand fallen, der ein Geräusch macht, sobald er den Boden berührt. Damit möchte ich Dich nicht zu Weißglut treiben, sondern ich erforsche den Zusammenhang zwischen Fallenlassen und Geräusch.

Wenn Du bemerkst, dass ich Dich überhaupt nicht mehr aus meinen Fingerchen lassen möchte, versuche, ob ich mich mit Spielsachen beschäftige, bei denen ich „Ursache-und-Wirkung“ alleine spielen kann. Dazu eignen sich Spielcenter, bei denen ich auf ein Knöpfchen drücken muss, damit das Auto hupt. Oder gib mir einen Kochlöffel und Töpfe, auf denen ich trommeln kann. 

Der sechste Wachstumsschub 

Der 6. Wachstumsschub, der sich ab der 37. Woche ereignet, führt deinen Säugling wieder einmal in eine ganz neue Welt.

Ich verstehe viele Dinge nun besser als zuvor und lerne sie einzuordnen. Ich weiß, dass Bälle Bälle sind, egal welche Farbe sie haben. Ich lerne zu unterscheiden. was ich mag und was ich nicht mag – und diese Vorlieben oder Abneigungen auch auszudrücken.

Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um meine Erfahrungswelt zu erweitern, etwa indem wir in den Zoo gehen, wo ich Tiere kennenlernen kann. Gib mir die Möglichkeit alles, was nicht gefährlich ist, selbst zu erkunden. So eigne ich mir meine Welt an. Schaffe gleichzeitig Raum dafür, dass ich alles, was ich schon gelernt habe, noch einmal wiederholen kann, etwa indem wir nach dem Zoobesuch gemeinsam Bilderbücher anschauen, in denen ich die Tiere, die ich im wirklichen Leben gesehen habe, wieder finden kann.

Gleichzeitig entdecke ich, dass ich einen eigenen Willen habe, dem ich auch die eine oder andere Art Ausdruck verleihen kann. Willst Du mich anziehen oder wickeln, soll ich meinen Mittagsschlaf machen oder in die Badewanne, können diese selbstverständlichen Handlungen regelrechte Wutanfälle bei mir provozieren, wenn sie zu einem Zeitpunkt stattfinden, der mir nicht recht ist. Viele Mütter haben das Gefühl, dass sie ihrem Kind in dieser Phase gar nichts recht machen können – und das stimmt auch häufig. 

Meine wechselhafte Stimmung ist, wie bei den anderen Wachstumsschüben auch, Ausdruck dafür, dass ich mich prächtig entwickel und auf dem besten Wege bin, ein selbstbestimmter kleiner Mensch zu werden.

Zum ganzen Entwicklungsberater